Esperanto - das interkulturelle Erlebnis

Ulrich Matthias

Nachfolgend findet sich etwa 50% des Textes des 1990 erschienen 128-seitigen Buches "Esperanto - das interkulturelle
Erlebnis". Das Buch ist mit dem Ziel geschrieben worden, einen sehr persoenlichen Einblick in die Esperanto-Bewegung der spaeten 80er Jahre zu bieten. Es will zudem ein tieferes Urteil darueber ermoeglichen, welchen Sinn es heute macht, sich fuer Esperanto zu engagieren.

Ich bitte zu entschuldigen, dass bedingt durch die Satzkonvertierung die Umlaute und Uberzeichen hier nicht korrekt wiedergegeben werden. Ich werde mich bemuehen, in der naechsten Zeit das Buch vollstaendig und ohne diese Maengel in das Internet zu bringen.

In gedruckter Form ist das Buch noch bei einigen Buecherdiensten (z. B. Esperanto-Libroservo Berlin) fuer DM 14,80 + Versandkosten erhaeltlich.

Wiesbaden, den 10. Januar 1998 Ulrich Matthias



Einleitung

Als ich mich - unsicher, ob meine Ideen, meine Zeit und mein
Durchhalteverm"gen reichen wrden - an die Arbeit machte, ein
deutschsprachiges Buch ber Esperanto zu schreiben, geschah dies aus
einem kaum noch zu bremsenden inneren Drang. Im Laufe meiner
nunmehr fnfj"hrigen Besch"ftigung mit der Internationalen Sprache
haben sich in mir unz"hlige Erfahrungen, Gefhle und Phantasien
angesammelt, die ich gern anderen mitteilen m"chte. Ich erz"hlte
Verwandten und Bekannten von meiner Begeisterung, schrieb Artikel
und Leserbriefe fr Zeitungen und Zeitschriften. Doch immer fehlte die
Zeit, der Platz, die geeigneten Zuh"rer - oder besser: Es schien mir
einfach nicht angebracht, meine Gedanken in einem Umfang und einer
Tiefe darzulegen, wie ich es eigentlich wnschte.

Dieses Buch wendet sich vor allem an junge Menschen. Gerade
Jugendliche haben oft die (sicher meist nicht ganz unberechtigte)
Neigung, vieles an dieser Welt als unverst"ndlich oder verrckt zu
empfinden. Das Thema "Sprachprobleme" mag hier nur ein weniger
bedeutsam erscheinendes Gebiet sein - doch dafr auch eines, wo sich
recht leicht etwas "ndern lieže: Mit einer leicht erlernbaren, neutralen
Zweitsprache k"nnten sich die Menschen aller L"nder problemlos
verst"ndigen. "Hat Esperanto denn auch Nachteile?", fragte mich Iris,
eine 17-j"hrige Schlerin, einmal in meinem Esperanto-Kurs an der
Volkshochschule Neustadt. - "Nein... Mir f"llt da nichts Wesentliches
ein", entgegnete ich ihr, und kam mir dabei nicht einmal unehrlich vor. -
"Aber wieso fhrt man es denn dann nicht in die Schulen ein, wenn es
doch keine Nachteile hat?", fragte Iris mich weiter...

Jedes Jahr interessieren sich Tausende junger Menschen v"llig
unvoreingenommen fr Esperanto. Viele begeistern sich fr die Idee der
problemlosen Verst"ndigung zwischen allen Menschen. Doch nur ein
kleiner Teil von ihnen wendet wirklich die (wohl etwa 200 bis 500)
Stunden auf, die n"tig sind, um Esperanto fliežend zu sprechen. Oft ist
die Motivation doch nicht stark genug, um beim Lernen (das ja meist im
Selbststudium geschehen muž) durchzuhalten; nicht selten stehen der
Begeisterung fr Esperanto die Aussagen von Eltern oder Lehrern
entgegen, man solle doch den Unsinn sein lassen, schliežlich k"nne man
mit Esperanto doch nichts anfangen...

Wer bereits seit l"ngerer Zeit Esperanto praktiziert, l"žt sich da
natrlich nicht mehr verunsichern. Im Alter von 19 bis 24 Jahren habe

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ich an etwa 20 internationalen Esperanto-Jugendtreffen teilgenommen,
habe mit Brieffreunden in 15 L"ndern korrespondiert und mit jungen
Menschen aus anderen L"ndern so tiefe Freundschaften geschlossen,
wie ich es ohne Esperanto bislang noch nicht erlebt habe. Mit meiner
gleichaltrigen Freundin Elena aus Moskau habe ich in Esperanto
Gespr"che voller W"rme und Herzlichkeit gefhrt; ich fhle mich zu
Hause in einem einzigartigen kulturellen Ph"nomen, das wir als
"weltweite Esperanto-Jugendbewegung" oder besser einfach als
"Esperanto-Jugend" bezeichnen. Dieses Ph"nomen zu dokumentieren, ist
Ziel dieses Buches. Ich wnsche, daž es den einen oder anderen Leser
best"rkt in dem Bewužtsein, daž Esperanto eine gute Sache ist und
einen beachtlichen praktischen Wert besitzt. Es m"ge so einen kleinen
Beitrag dazu leisten, daž immer mehr Menschen eine beispielhafte
internationale Verst"ndigung erleben.





























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1. Die Begegnung mit der Plansprache

"Es gibt auch gute Ausl"nder", sagte meine Mutter. Ich war damals
erst sechs Jahre alt. Und doch kann ich mich noch gut daran erinnern.
Denn das war ein Satz, der mir berhaupt nicht in mein Weltbild pažte.
Ich glaubte bis dahin, man k"nne alle Menschen klar in zwei Gruppen
einteilen: in gute und b"se. Die b"sen, schlechten, sind die Trken,
Russen, Asozialen, Neger und SPD-W"hler. Die guten, das sind die, die
es in ihrem Leben zu etwas bringen, weil sie ehrlich sind und fleižig.
Und irgendwie schien es mir selbstverst"ndlich, daž letzteres nur auf
Deutsche zutreffen kann.

Ausl"nder kannte ich damals noch nicht. Ich hatte blož ab und zu mal
welche gesehen, auf der Straže. Aber ich hatte schon viel ber sie
geh"rt. Und ich glaube, ich fand es damals gut, daž ich mit keinem
Ausl"nder etwas zu tun hatte.

Doch dann - irgendwann im dritten Schuljahr - hatte meine
Grundschullehrerin uns etwas mitzuteilen. Sie wirkte sehr ernst, und
wir bekamen den Eindruck, daž es etwas Schreckliches sei: "Ab
morgen kommt ein Trkenjunge in eure Klasse. Er ist erst seit zwei
Jahren hier in Deutschland und spricht noch nicht gut Deutsch. Manche
Menschen sagen, Trken seien dumm, faul und stinken. Aber es ist
nicht gut, so etwas zu sagen. Man nennt das ein 'Vorurteil'".

Und dann, am n"chsten Morgen, war er da. Er hiež Sebahattim oder so
"hnlich. "Mama, wir haben jetzt einen Trkenjungen in der Klasse",
erz"hlte ich zu Hause. Meine Mutter "užerte sich verwundert: "Das ist
merkwrdig. Er mžte doch auf die Schule in der Altstadt gehen, denn
unsere ist doch eine katholische Bekenntnisschule, und er ist doch
bestimmt nicht katholisch..."

Tats"chlich fehlte Sebahattim im Religionsunterricht. Dafr trat er beim
Sport umso mehr in Erscheinung. Er war gr"žer als wir alle,
wahrscheinlich auch viel "lter, und konnte am schnellsten laufen und am
weitesten springen. In den brigen F"chern war er schlecht; wenn
meine Lehrerin ihn etwas fragte, blieb er meistens still. In den Pausen
war er immer allein. Vielleicht fand ich ihn gerade deshalb irgendwie
sympathisch. Denn auch ich war in den Pausen viel allein.

Nach einem halben Jahr war Sebahattim dann pl"tzlich nicht mehr unter
uns. Ich glaube, die meisten haben ihn nicht sehr vermižt.

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Zu dieser Zeit hatte ich erstmals ber Sprachprobleme nachgedacht.
Ich berlegte mir, es w"re doch gut, wenn wir alle Trkisch lernen
wrden. Denn dann k"nnten wir uns mit Sebahattim besser unterhalten.
In meiner kindlichen Naivit"t hatte ich ganz bersehen, daž die
trkische Sprache fr uns sicher ebenso schwer ist wie fr ihn die
deutsche - und vielleicht auch, daž es den meisten von uns wohl
ziemlich egal war, ob Sebahattim zu uns geh"rt und wir uns mit ihm
unterhalten k"nnen. šber Esperanto wužte ich damals noch nichts. Erst
in der siebten Klasse h"rte ich erstmals etwas davon, als mein
Deutschlehrer, ein alter, von allen als weise angesehener Mann, dieses
Thema bei einer Diskussion ber die gem"žigte Kleinschreibung beil"ufig
streifte: "Es gibt auch die Idee, eine knstliche Sprache wie Esperanto
einzufhren, damit sich die Menschen auf der Welt besser verst"ndigen
k"nnen. Das ist ein interessanter Gedanke; er hat nur einen Nachteil:
Diese knstlichen Sprachen haben berhaupt keine Kultur. Einen Goethe,
einen Schiller gibt es im Esperanto nicht." Ob Esperanto einen Goethe
oder einen Schiller hat, war mir damals ziemlich gleichgltig. Ich hielt
diese "knstlichen Sprachen" einfach fr berflssig.

Bald darauf fand ich in einem Schlerkalender, ich glaube, es war der
Schneider-Schlerkalender von 1979, eine Seite mit dem Titel "Wir
lernen Esperanto". Dort standen ein paar W"rter mit
Esperanto-šbersetzung, ein oder zwei einfache S"tze in dieser Sprache
und die Zahlen von 1 bis 10 in Esperanto. All dies hatte ich mir schon
damals eingepr"gt, doch leider stand in dem Kalender nicht, wozu
dieses Esperanto gut ist und was man damit anfangen kann. Bis ich das
erfuhr, sollten noch etwa sieben Jahre vergehen.

Im M"rz 1986 fand ich dann in der Mensa der Uni Heidelberg, wo ich
ein halbes Jahr zuvor mein Mathestudium aufgenommen hatte, ein
Flugblatt. Die šberschrift machte mich stutzig: "Kostenlos bernachten".
Was da blož fr Absichten dahinterstecken, wenn jemand so etwas
anbietet und dann auch noch Werbung dafr macht? "Vielleicht muž
man dann auch selbst andere Menschen bei sich aufnehmen", dachte
ich. "Oder man muž sogar seine Religion "ndern, einer Sekte
beitreten..." Ich las weiter und sah, daž von einem "Gastgeberdienst fr
Esperantosprechende" die Rede war. Nun, von der Sprache hatte ich ja
schon einiges geh"rt. Neben den Informationen von meinem
Deutschlehrer und aus dem Schlerkalender hatte ich sp"ter ab und zu
mal einem Artikel ber diese Sprache in der Zeitung gelesen und einmal
sogar einem kurzen Bericht ber einen Esperanto-Kongrež im
Fernsehen gesehen. Ich wužte, daž ein gewisser Dr. Ludwig Zamenhof

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sie gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts entwickelt hatte, und daž
einige wohl vorwiegend "ltere Leute - vielleicht auch Wissenschaftler -
sie auf internationalen Kongressen anwenden. Ich verstand, daž sich
dort auf diesen Kongressen Menschen aus vielen L"ndern ohne
Dolmetscher unterhalten k"nnen und fand das gut. Aber das schien mir
nichts besonderes zu sein, das geht ja auch mit Englisch, dieses
Esperanto kam mir immer noch etwas berflssig vor.

Erst nun erfuhr ich, daž Esperanto praktischen Wert hat. "Gerade
unter Jugendlichen, die gerne viele verschiedene L"nder kennenlernen
m"chten, wird Esperanto immer mehr benutzt", las ich in dem Flugblatt.
Aber was veranlažt diese Gastgeber, andere Esperantosprechende
kostenlos bei sich aufzunehmen? Und dann wird da auch noch ein
kostenloser Fernkurs angeboten... Es scheint so, als ob da Menschen
hinterstecken, die dieses Esperanto verbreiten wollen und sogar bereit
sind, finanzielle Mittel dafr zu opfern. Nach alledem schien mir, daž
Esperanto doch eine ernste Sache ist, und ich forderte noch am selben
Tag den ersten Teil des Fernkurses und weitere Informationen ber
Esperanto bei der "Esperanto-Gruppe Heidelberg" (so war auf dem
Coupon zu lesen) an. Ich hatte damals gewiž nicht geahnt, daž diese
Entscheidung mein Leben einmal wesentlich ver"ndern und bereichern
wrde.

Fr besonders wichtig hatte ich die Anforderung "weiterer
Informationen" nicht gehalten, ich wollte ja in erster Linie die Sprache
kennenlernen, aber wenn etwas nichts kostet... warum nicht?

Dennoch war ich sehr erfreut, als ich dann zwei Tage sp"ter zun"chst
diese "weiteren Informationen" in meinem Briefkasten fand. Da ging
draus hervor, daž Esperanto wesentlich leichter ist als alle anderen
Sprachen, und ganz besonders weckte ein Blatt mit einer šbersicht
ber die Esperanto-Grammatik meine Aufmerksamkeit: "Alle
Hauptw"rter enden auf -o: tablo = Tisch, alle Eigenschaftsw"rter auf
-a: bona = gut, alle Zeitw"rter in der Grundform auf i: ami = lieben..."

Ich freute mich, als dann bald auch der erste Teil des Lehrwerks
"Esperanto-programita" bei mir eintraf: Ein Lehrbuch mit
Ausspracheschallplatte, versandt vom "Esperanto-Centro Paderborn".
Dieses Lehrbuch berflog ich geradezu, und als ich vor der Wahl stand,
es zurckzusenden oder zu bezahlen, entschied ich mich fr das
letztere. Ich hielt Esperanto bereits fr untersttzenswert; mich
faszinierte die Einfachheit und Regelm"žigkeit dieser Plansprache.

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Es machte mir Spaž, Esperanto zu lernen. Das Gefhl, dabei schnell
Fortschritte zu machen, regte mich an, mir auch Lehrbcher fr
Italienisch, Spanisch und Russisch zu kaufen. Ich hatte eine Freude am
Sprachenlernen entdeckt; ich fing an, auch diese Lehrbcher
durchzuarbeiten. Doch da hatte ich pl"tzlich das Gefhl, kaum
voranzukommen. Die vielen Unregelm"žigkeiten, der total
unberschaubare Wortschatz. Da wurde mir klar, daž nur eine Sprache
so beschaffen ist, daž ich sie ganz nebenbei im Selbststudium
wenigstens bis zum flieženden Sprechen erlernen kann: Esperanto. Ich
hielt es nach meinem ersten Erfahrungen mit dieser Sprache fr
glaubwrdig, daž Esperanto fnf- bis zehnmal schneller erlernbar ist als
beispielsweise Englisch. Und schon hatte mich der Gedanke ergriffen,
es sei ausgesprochen sinnvoll, Esperanto allgemein als Zweitsprache
einzufhren, es in den Schulen als erste Fremdsprache zu unterrichten.

Dann k"nnte ich mich mit allen Menschen auf der Erde - mit Trken,
Jugoslawen, Russen, Japanern usw. - problemlos verst"ndigen. Und
selbst diejenigen unter uns, die weniger sprachbegabt sind, k"nnen
Sprachgrenzen berwinden, k"nnen sich gut miteinander unterhalten.
Schon "fter kam ich mir auf Auslandsreisen hilflos vor, weil ich mich
mit den Menschen dort nicht richtig verst"ndigen konnte, habe gesehen,
wie Gastarbeiter und Deutsche einander fremd bleiben, weil sie sich
nicht richtig unterhalten k"nnen. Bislang hatte ich das als notwendiges
šbel einfach hingenommen - aus Unwissenheit, weil ich nicht wužte,
daž Sprachgrenzen doch berflssig sind. Es ist eine tolle Erfindung,
das Esperanto, dieser Zamenhof war einfach genial...

Das Esperanto-Fieber hatte mich erfažt, so wie viele tausend oder
sogar Millionen Menschen vor mir _ Jungen und M"dchen, Schler und
Rentner, Schwarze und Weiže, Deutsche und Polen, Brasilianer und
Chinesen...

Spuren kindlicher Tr"ume von einer Welt ohne Verst"ndigungsprobleme
mischten sich mit einer rationalen Einsicht in die Zweckm"žigkeit einer
Plansprache zur Erleichterung der internationalen Begegnung und
Verst"ndigung. Ich hielt es damals fr v"llig selbstverst"ndlich, daž
Esperanto sich rasch weiter verbreiten und schliežlich allgemein
eingefhrt wird. Man mžte nur die Unwissenheit beseitigen, vielleicht
auch ein paar Vorurteile, vor allem aber die Unwissenheit, die mich ja
selbst noch ein paar Wochen zuvor befangen hatte.

Noch hatte ich nicht den Mut, den Studenten, mit denen ich an der Uni

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Heidelberg gelegentlich zusammen war, von meinem neuen Hobby zu
erz"hlen. Aber ich schrieb meinen Brieffreunden von meiner
Begeisterung: "Ich lerne jetzt Esperanto, weil ich Spaž habe am
Erlernen dieser Sprache mit ihrer faszinierend einfachen, logischen und
ausnahmefreien Grammatik, vor allem aber, weil ich die Idee einer leicht
erlernbaren Zweitsprache fr alle Menschen sehr gut finde..." Ein
Flugblatt mit einem šberblick ber die Sprache legte ich ihnen bei. In
den Wochen darauf bekam ich dann die Antworten, die alle ganz nett
waren und mich dennoch entt"uschten. Selbst Sabine, die mir frher
mal geschrieben hatte, daž meine Briefe ihr immer wieder zeigen, "wie
"hnlich wir uns sind in dem, was wir denken und fhlen" und daž sie
sich sehr fr Sprachen interessiert, ja, sie lernt sogar Schwedisch an
der Volkshochschule, konnte ich nicht mit meiner Begeisterung
anstecken. Sie schrieb mir einen Brief ber die blichen Themen und
fgte am Schluž noch hinzu: "Ich hoffe, daž es Dir mit Deinen
Aktivit"ten (haupts"chlich ja wohl Esperanto!) sehr gut geht."

Es waren zun"chst rein theoretische šberlegungen, die mich
motivierten, Esperanto eifrig weiterzulernen. Die Sache mit dem
Gastgeberdienst hatte ich schon fast wieder vergessen. Doch pl"tzlich
wurde ich wieder auf den praktischen Wert des Esperanto aufmerksam:
Dem zweiten Teil des Fernkurses lag ein Probeexemplar einer
Zeitschrift mit dem Titel "GEJ-Gazeto"bei. Das klang etwas fremdartig;
bald erkannte ich jedoch, daž "GEJ" die Abkrzung fr "Germana
Esperanto-Junularo" und "Gazeto" das Esperanto-Wort fr "Zeitung"
ist. Ich hielt also ein Exemplar der Mitgliederzeitschrift der Deutschen
Esperanto-Jugend in meinen H"nden. Diese von der Aufmachung her
recht bescheiden wirkende Zeitschrift zeigte mir, daž bereits viele junge
Leute aktiv sind fr die mir so zustimmungsf"hig erscheinende Ziele,
auf diese einzigartige Weise Sprachgrenzen zu beseitigen und
Freundschaften ber Grenzen hinweg zu erm"glichen.

In einem langen Veranstaltungskalender wurde mir dann sogar
angeboten, selbst Esperanto praktisch anzuwenden. Ich berlegte, ob
ich schon bald ein Wochenende auf einem Esperanto-Zeltlager in
Marburg verbringen sollte. Oder ob ich vielleicht im Sommer sogar auf
den Esperanto-Weltjugendkongrež nach Israel fahren sollte, oder
zumindest nach Frankreich zu einem Jugendtreffen zum Thema
"Feindschaft zwischen V"lkern"...

Beim Anblick jener "GEJ-Gazeto" habe ich den dahinterstehenden
Jugendverband sofort zumindest provisorisch fr untersttzenswert

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gehalten und meinen Beitritt zur Deutschen Esperanto-Jugend erkl"rt.
Bald darauf bekam ich einen Brief der Esperanto-Gruppe Heidelberg, in
dem mir eine Mitfahrgelegenheit zu dem Esperanto-Zeltlager in Marburg
angeboten wurde. Ich sagte zu, und an einem Samstagmorgen traf ich
mich mit unserem Fahrer Manfred am vereinbarten Treffpunkt. Er
sprach mich kurz auf Deutsch an, um schon bald darauf das Gespr"ch
in Esperanto fortzusetzen, was zu meinem Erstaunen sofort recht gut
klappte, wenngleich ich ja erst knapp drei Monate zuvor mit dem Lernen
begonnen hatte.

Natrlich machte ich ein paar Fehler, die Manfred jedoch auf eine nette
Art korrigierte: "Mi studentas matematikon." _ "Jes, vi estas studento,
kaj vi studas matematikon." Ein bižchen verwirrt war ich trotzdem,
hatte ich doch gelernt, daž man durch Austausch der Endungen aus
Hauptw"rtern das zugeh"rige Verb machen kann. Wieso aber heižt das
Verb zu "studento" (Student) nicht "studenti", sondern "studi"? Nun ja,
diese Kleinigkeit lernt man so schnell, daž es nicht unbedingt sinnvoll
ist, das Wort "studenti" mit Akkusativ-Objekt zuzulassen oder aber
"studento" durch das v"llig logisch von "studi" abgeleitete Wort
"studanto" (Studierender) zu ersetzen...

Noch zwei weitere junge "Espis", Peter und Klaus, holten wir ab. Ich
fand es toll, daž wir im Auto nur Esperanto sprachen. ^Cu vi
interesi^gas pri piedpilkado?", fragte mich Peter. Ich mužte eine Weile
berlegen: Die Wortst"mme "pied" (Fuž), "pilk" (Ball) und die
Wortbildungssilbe "-ad" fr den Vorgang oder die Dauer einer Handlung
kannte ich schon, doch wenn man so ein zusammengesetztes Wort zum
ersten Mal h"rt, muž man schon eine Weile berlegen. Zum Glck
wiederholte Peter seine Frage kurz darauf mit einem anderen Wort:
"^Cu vi interesi^gas pri futbalo?", was ich sofort verstand und mit "nur
iomete" (nur ein bižchen) beantwortete, da ich mich nicht allzu sehr fr
Fužball interessierte.

Bald kamen wir in Marburg an, wo wir im Saal der evangelischen
Studentengemeinde auch ein paar Espis aus dem Ausland trafen. Jan
aus Holland und Mike aus England waren die ersten Ausl"nder, die ich
dank Esperanto (wenn auch nur oberfl"chlich) kennenlernte. Vor allem
habe ich mich in Marburg jedoch mit jungen Deutschen unterhalten.
Doch dabei konnte ich leider nicht immer meine Esperanto-Kenntnisse
aufbessern: "Mit Ausl"ndern spreche ich natrlich Esperanto, aber mit
Deutschen geht das auch ganz gut auf Deutsch", sagte mir ein
Jugendlicher beim Kaffeetrinken am Nachmittag. Ich mit meinem

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Idealismus fand das natrlich nicht so sch"n.

Mit Manfred unterhielt ich mich weiter auf Esperanto. Ich fragte ihn, ob
er mit Esperanto denn schon viele L"nder kennengelernt habe. Manfred
l"chelte: "Ich war schon viermal in Japan." Und dann erz"hlte er mir,
daž seine Frau Japanerin ist; er habe sie 1975 auf dem
Esperanto-Weltkongrež in Kopenhagen kennengelernt. "Ich war damals
so alt wie du. Das war eine sch"ne Zeit..." Inzwischen hat er bereits
drei kleine Kinder. Ich dachte, vielleicht wird mir ja auch mal sowas
passieren. Ich f"nd's nicht schlecht...

"^Cu vi ^satas ludi?", fragte uns Kerstin, eine Teilnehmerin des
Treffens aus Bonn. "Jes", antwortete ich, und war gespannt auf die
Spielerunde. Das erste Spiel war das wildeste und lustigste.
"Gazetklabo" hiež es, "Zeitungskeule". Nach dem sich alle Teilnehmer
vorgestellt hatten, ging ein Spieler mit der aus einer Zeitung
zusammengerollten Keule in der Hand in die Mitte. Jemand fing an und
rief den Namen eines Mitspielers, und der Spiele in der Mitte mužte
versuchen, den Aufgerufenen mit der "Gazetklabo" auf den Kopf zu
schlagen, bevor dieser den Namen eines anderen Mitspielers ruft usw.
Wer zurecht getroffen wird, l"st den Spieler in der Mitte ab.

Die Spiele-Runde fand ich toll. Wenn man auf einem Treffen die
meisten anderen noch nicht kennt, ist es gut, wenn dort so etwas
stattfindet. Einige, vorwiegend erfahrenere Espis zogen es vor, nicht
mitzuspielen, sondern sich mit anderen zu unterhalten. Zwei Jahre
sp"ter h"tte wohl auch ich dort nicht mitgemacht. Ich h"tte mich
stattdessen dort mit anderen Aktiven der Deutschen Esperanto-Jugend
darber unterhalten, wie man wirksam (tm)ffentlichkeitsarbeit betreibt,
wie die Deutsche Esperanto-Jugend mehr Mitglieder bekommen kann
oder welches Lehrmaterial fr Esperanto-Kurse zu empfehlen ist.

Nach der abendlichen "Diskoteko" begaben wir uns nachts um 2 Uhr in
Richtung Zeltplatz. Am n"chsten Morgen gab 's ein Sektfrhstck bei
leichtem Regen. Der Regen wurde st"rker; wir gingen in ein Zelt. Die
Stimmung war dennoch berraschend gut. Wir machten ein paar
Sprachspiele, und schliežlich holte ein Teilnehmer seine Gitarre hervor,
und wir (oder genauer: die anderen) sangen Lieder, deren Melodien mir
teilweise bekannt vorkammen (z.B. Guantanamera), deren
Esperanto-Texte ich aber natrlich noch nicht kannte. Esperanto-Lieder
klingen nicht schlecht, bemerkte ich, und fhlte mich wohl in der Runde.


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Gegen Mittag machten wir uns auf den Rckweg nach Heidelberg. Noch
am selben Tag meldete ich mich fr das Treffen in Frankreich an, und
ich entschlož mich, noch intensiver Esperanto zu lernen.

In der Folgezeit nahm ich erstmals an Esperanto-Gruppentreffen in
Heidelberg teil. Da gab es einen 14-t"gigen Fortgeschrittenenkurs bei
Manfred, in dem eine recht bunte Mischung von fnf bis zehn Studenten
verschiedener Fachrichtungen und Leuten mittleren Alters Lektionen aus
dem etwas veralteten Lehrbuch "Post la kurso" behandelte, und ab und
zu luden Mitglieder der Gruppe uns zu sich ein, um einen Nachmittag
oder Abend lang gemtlich beisammen zu sein und sich (vor allem auf
Deutsch) ber alles M"gliche zu unterhalten. Meinen
Esperanto-Wortschatz erweiterte ich vor allem dadurch, daž ich alles,
was ich an Esperanto-Bchern und -Zeitschriften in die Hand
bekommen konnte, geradezu verschlang. Unbekannte W"rter schlug ich
im W"rterbuch nach; ich merkte, daž solche unbekannten W"rter
immer seltener wurden.

Ich freute mich schon sehr auf das Deutsch-Franz"sische
Jugendtreffen in Frankreich, das vom 25. bis 31. August 1986 dauern
sollte. Bald nach meiner Anmeldung hatte ich das "Dua informilo"
(zweites Info-Blatt) mit n"heren Informationen ber das Programm des
Treffens und die Lage des Schlosses Gr'esillon, in dem das Treffen
stattfand, bekommen. Um mich auf das Thema "Feindschaft zwischen
V"lkern" vorzubereiten, schieb ich kleine Aufs"tze zu diesem Thema, in
Esperanto natrlich.

Und dann war es so weit. Im Bahnhof von Le Mans sprachen mich die
ersten (deutschen) Espis wegen meines Esperanto-Aufklebers auf
meinem Koffer an. Im Bus nach Baug'e _ so heižt die Kleinstadt, nahe
der das Schlož Gr'esillon liegt _ waren wir dann bereits etwa 20 junge
Esperanto-Freunde. An der Bushaltestelle in Baug'e erwarteten uns
einige Mitglieder des Organisationsteams mit ihren Autos, um unsere
Rucks"cke und Koffer mitzunehmen. Es war ein warmer
Sp"tsommerabend, an dem wir dann _ von unserem Gep"ck entlastet _
weiter zum Schlož Gr'esillon gingen. Auf diesem halbstndigen Weg
sprach mich ein M"dchen mit langen Haaren und einer aus deutscher
Sicht etwas kitschigen Halskette an: "De kie vi venas?" _ "El
Heidelberg, en Germanio" antwortete ich auf diese Frage nach meiner
Herkunft. Mir fiel auf, daž sie die Vokale etwas offener, ja irgendwie
knackiger aussprach als es Deutsche tun. "Kaj vi?", fragte ich sie also
gespannt, "und du?" _ "El Pollando", antwortete sie, und erz"hlte, daž

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sie aus der N"he von Krakau kommt; 40 Stunden habe sie im Zug
gesessen. "So ein Esperanto-Treffen muž schon interessant sein, wenn
eine Polin die Strapazen einer 40-stndigen Zugfahrt auf sich nimmt, um
daran teilzunehmen", dachte ich. Wir unterhielten uns ber unsere
Berufe, ber die Gr"že und die Aktivit"ten unserer Esperanto-Gruppen,
und erst die Ankunft im Schlož beendete mein erstes l"ngeres
internationales Gespr"ch in Esperanto.

Nachdem die Formalit"ten wie Zahlung der Teilnehmergebhr und
Zimmerzuweisung erledigt waren, ging ich auf mein Zimmer, wo ich Ian
aus London und einen Sdl"nder namens Carles kennenlernte. Carles
sah aus wie ein Spanier oder Italiener; auf meine Frage, woher er denn
komme ("De kie vi venas?") erhielt ich jedoch eine merkwrdige
Antwort: "El Katalunio". Ich konnte damit nichts anfangen, liež mir aber
nichts anmerken, und fragte ihn weiter: "Und aus welcher Stadt
kommst du?" Er nannte einen Ortsnamen, der mir aber nichts sagte,
fgte aber glcklicherweise hinzu: "Das ist in der N"he von Barcelona."
_ "Also in Spanien", folgerte ich. Carles schien das nicht zu gefallen:
"Ne, en Katalunio" (nein, in Katalonien), meinte er, und erz"hlte: "Wir
Katalanen sind ein eigenst"ndiges Volk, wir haben eine eigene Sprache.
Wir sind bemht, unsere Kultur zu schtzen, gegen die Vorherrschaft
des Spanischen. Wir sind ein Volk ohne Staat..." Er erz"hlte dies mit
Begeisterung und sdl"ndischem Temperament, seine Stimme erinnerte
an das Geratter eines Maschinengewehrs.

Erstmals hatte ich das Gefhl, dank Esperanto etwas gelernt zu haben.
Auf meinem ersten wirklich internationalen Esperanto-Treffen hatte ich
gleich am ersten Abend unmittelbare Informationen ber ber das Leben
in anderen L"ndern bekommen. Sp"ter hielt Carles dann einen Vortrag
ber die Situation regionaler Minderheiten auf der iberischen Halbinsel,
was ja ganz gut zum Thema des Treffens ("Feindschaft zwischen
V"lkern") pažte. Es gibt, so erz"hlte er, dort drei "unterdrckte
V"lker": die Basken, die Galizier und die Katalanen. Am internationalen
Abend _ zu dem gew"hnlich jede Nation einen Beitrag mit Bezug zu
ihrem Heimatland beisteuert _ sang Carles dann zusammen mit seinen
katalanischen Freunden Lieder in Baskisch, Galizisch und Katalanisch,
teilweise auch in Esperanto-šbersetzung, nichts aber in Spanisch.

Auch einige Jugendliche aus Frankreich, Jugoslawien, den Niederlanden
und Finnland hab' ich in den ersten Tagen in Gr'esillon n"her
kennengelernt. Die etwa 15 deutschen Teilnehmer waren mir zu Beginn
des Treffens ebenso unbekannt wie die ausl"ndischen, und da ich mir

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vorgenommen _ und auch praktisch ganz eingehalten _ hatte, dort nur
Esperanto zu reden, gab es fr mich keinen Grund, mich mehr mit
Deutschen zu unterhalten als mit den Polen, Jugoslawen, Franzosen
usw. "Endlich eine Sprache, mit der ich etwas anfangen kann", dachte
ich. Gewiž, ich hatte in der Schule Englisch gelernt, und auch
Franz"sisch. Aber meine Lehrer engagierten sich nicht fr die
Anwendung dieser Sprachen, ich h"rte nichts von Begegnungsreisen und
so. Aužer ein paar kommerzielle Angebote wie: "Sprachferien in
England _ zwei Wochen fr DM 1500,-".

Das Programm in Gr'esillon war berraschend umfangreich: Jeden
Morgen gab's 'ne Diskussionsrunde zum thematischen Programm, zu
der allerdings stets nur etwa 20 der 80 Teilnehmer erschienen; es war
also nicht unbedingt n"tig gewesen, mich auf das Thema des Treffens
vorzubereiten. Gleichzeitig _ oder am Nachmittag _ gab's Sprachspiele,
Franz"sisch-Kurse, einen Kurs der Computersprache "Logo", die
Vorbereitung eines kleinen Theaterstcks, ein Tischtennisturnier usw.

Daneben gab's die M"glichkeit, einfach so draužen Volleyball zu spielen;
das ganze Schlož (das einer Esperanto-Organisation geh"rt) hatten wir
fr uns allein. Auch das Singen von Esperanto-Liedern gefiel mir
wieder; diesmal trat sogar eine echte Esperanto-Rockgruppe auf: Drei
Jugendliche aus West-Berlin, die sich "La Mondanoj" (Die Weltbrger)
nennen, begeisterten die Teilnehmer. Viel Spaž hatten wir auch an
einem Abend, an dem uns polnische Teilnehmer Volkst"nze beibrachten.

Manchmal, zum Beispiel auf einer Nachtwanderung, hab' ich mich auch
ein bižchen allein gefhlt auf dem Treffen. Doch das schrieb ich der
Tatsache zu, daž ich noch nicht so gut Esperanto beherrschte wie die
meisten anderen Teilnehmer, und vor allem kannte ich ja vor dem
Treffen noch praktisch niemanden, w"hrend die meisten anderen
Teilnehmer in Gr'esillon ihre Freunde wiedersahen, die sie bereits von
frheren Esperanto-Treffen her kannten. Doch trotzdem fhlte ich mich
nie richtig unwohl, denn weit und unbekannt "ffnete sich vor mir eine
neue Welt, die Esperanto-Welt, Esperantujo. Ich bekam den Eindruck,
daž die jungen Menschen, die Esperanto sprechen, unheimlich nett sind;
ich sah in den Esperanto-Sprechenden eine Gemeinschaft, wo man auf
jeden zugehen kann, eine Gemeinschaft, wo man einen Vorschuž an
Sympathie freinander hat und in der jeder willkommen ist.

Voller Optimismus kam ich zu der šberzeugung, daž auch ich mich bald
hundertprozentig wohlfhlen wrde in der Esperanto-Welt; ich kann eine

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gewisse rhetorische Unterlegenheit und die damit verbundenen Gefhle
der Unsicherheit, wie ich sie in Gespr"chen auf Deutsch oft erlebe, ja
dadurch ausgleichen, daž ich besonders gut Esperanto beherrsche. Und
wenn ich oft auf Esperanto-Treffen fahre, werde ich bald unheimlich
viele Bekannte und sicher auch viele Freunde in Esperantujo haben.
Irgendwie war ich mir sicher, daž die Sprache Esperanto einem
ruhigen, nachdenklichen aber dennoch kontaktbedrftigen Menschen wie
mir eine tolle Chance bietet, zahlreiche freundschaftliche Beziehungen
zu anderen Menschen aufzubauen und dabei ganz nebenbei noch etwas
fr die V"lkerverst"ndigung zu tun.

Nach dem Deutsch-Franz"sischen Esperanto-Treffen in Gr'esillon bekam
ich Lust, Esperanto weiter zu lernen und anzuwenden. Ich meldete mich
zum Internationalen Seminar der Deutschen Esperanto-Jugend an, das
um die Jahreswende 1986/87 in K"ln stattfinden sollte. Schon in
Marburg und Gr'esillon hatte ich geh"rt, daž dieses "IS" (sprich "i-žo")
immer absolut grožartig ist. Doch natrlich wollte ich nicht bis dahin
warten, um mal wieder Esperanto zu praktizieren. Mir war klar, daž
Esperanto inzwischen meine st"rkste Fremdsprache geworden war: Ein
knappes halbes Jahr, nachdem ich das Esperanto-Flugblatt in der Mensa
fand, sprach ich es bereits besser als Englisch, das ich acht Jahre lang
auf der Schule gelernt hatte.

Natrlich fhlte ich mich jetzt auch in der Lage, Briefe in Esperanto zu
schreiben. In der Zeitschrift "GEJ-Gazeto" fand ich die Adresse des
"Koresponda Servo" der Deutschen Esperanto-Jugend, den damals ein
17-j"hriger Schler aus dem Raum Darmstadt leitete, und liež mir ein
paar Adressen von schreiblustigen jungen Espis aus aller Welt schicken;
weitere Adressen bekam ich von Gr

2. Argumente

Diesem Kapitel m"chte ich ein paar Vorbemerkungen voranstellen, denn
das Thema "Argumente" ist eng mit der Frage verknpft, ob Esperanto
auch heute noch das Ziel hat, Zweitsprache fr alle Menschen zu
werden.

In der heutigen Welt wird in der internationalen Verst"ndigung vor allem
_ und in wachsendem Maže _ Englisch benutzt. Natrlich sind sich die
Esperanto-Sprechenden dessen bewužt. Begeisterte Anf"nger st"rt
dieser Gedanke nicht so sehr; sie glauben, daž sich Esperanto trotzdem
durchsetzen kann, ja geradezu durchsetzen muž, weil es ja so leicht,
so sch"n logisch und einfach grožartig ist. Doch nach und nach merken
sie, daž sich Esperanto doch nicht so schnell ausbreitet, wie sie es
sich eigentlich wnschen. Sicher kann ein Optimist immer irgendwo
Fortschritte sehen _ mal bildet sich irgendwo eine neue
Esperanto-Gruppe, mal hat ein Esperanto-Kongrež besonders viele
Teilnehmer, mal h"rt man, daž in irgendeinem fernen Land die
Esperanto-Bewegung floriert. Doch wenn man beispielsweise auf die
Entwicklung der Mitgliederzahlen des Esperanto-Weltbundes und seiner
Landesverb"nde schaut, muž man im allgemeinen eher von einer
"Stabilit"t" als von einer "Expansion" der Esperanto-Bewegung
sprechen. Erfahrene Espis sind sich auch dessen bewužt.

Zudem h"rt man als Anf"nger oft schon bei seinen ersten Kontakten
mit anderen Espis S"tze wie "Ich habe zwar viel Spaž am Esperanto,
aber ich glaube nicht, daž sich das mal durchsetzt." oder "Esperanto
ist doch keine Konkurrenz zum Englischen, sondern nur eine
Erg"nzung." oder "Wir machen uns nur l"cherlich, wenn wir fr
Esperanto als Zweitsprache fr alle pl"dieren." Der Begriff "fina venko"
(letztlicher Sieg des Esperanto) wird heute zumindest unter jungen
Espis fast ausschliežlich scherzhaft gebraucht.

All das verunsichert. Doch zum Glck haben Esperanto-Freunde, die
gegen den Slogan "Esperanto als Zweitsprache fr alle" sind, manchmal
interessante Alternativen anzubieten. Der frhere GEJ-Vorsitzende
Thomas Bormann schreibt in der Zeitschrift "Esperanto" der UEA, Nr.
7-8/1987:

"In ihrer Informationsarbeit sollte sie (die Esperanto-Bewegung) nicht
herausstellen, was Esperanto wert sein k"nnte (indem es Zweitsprache
fr alle wird), sondern was es tats"chlich bereits wert ist." _ "Wenn

31

ein Journalist mit der berhmten Frage "Warum nicht Englisch?" an uns
herantritt, sollten wir antworten, daž die beiden Sprachen in der
heutigen Zeit verschiedene Funktionen haben. Englisch ist haupts"chlich
ntzlich, um sich in anderen L"ndern zurechtzufinden, um nach dem
Weg zu fragen; mit Esperanto sind tiefere pers"nliche Diskussionen mit
Menschen aus vielen verschiedenen L"ndern m"glich; Diskussionen auf
einer Ebene, wo es keine Diskrimination gibt, denn fr niemanden ist
Esperanto Muttersprache."

Das klingt ganz gut, wenn man einmal davon absieht, daž man noch
einleuchtender begrnden mžte, warum fr "tiefere pers"nliche
Diskussionen" Englisch nicht ausreicht. Es mag durchaus manchmal
sinnvoll sein, mit dem praktischen Wert des Esperanto zu werben. So
wurde ja auch ich zun"chst nur durch ein Flugblatt ber den
"Gastgeberdienst fr Esperantosprechende" auf diese Sprache
aufmerksam, um dann sp"ter einzusehen, daž Esperanto der gesamten
Menschheit einen grožen Dienst erweisen kann. Leute, die von ihren
weltweiten Kontakten mit Esperanto begeistert sind (und das sind nicht
wenige), k"nnen sicher oft recht berzeugend vom praktischen Wert
dieser Sprache erz"hlen. Doch was ist mit denen, die mit Esperanto
noch nicht so viel erlebt haben, oder die ihre internationalen Kontakte
nicht mehr als etwas Besonderes, sondern nur als etwas Allt"gliches
empfinden?

Nur wenige junge Espis lassen sich gern von Zeitungs- oder
Rundfunkreportern interviewen. In Radiointerviews, vor allem aber bei
Interview-šbungen auf Esperanto-Treffen fiel mir auf, daž Espis oft
nicht sehr berzeugend wirken: Sie fhlen sich in der Defensive, tun so,
als mžten sie Entschuldigungen dafr finden, daž sie Esperanto gelernt
haben; ihre Worte wirken manchmal fast wie ein Gest"ndnis oder aber
geknstelt und unglaubwrdig.

Das k"nnte mit der oben beschriebenen Verunsicherung
zusammenh"ngen. Auch ich habe einige Zeit gebraucht, um meinen
eigenen Weg in der Argumentation fr Esperanto zu finden, und
antworte heute auf die Frage "Warum nicht Englisch?" etwa mit den
folgenden Worten: "Ich hab' in der Schule acht Jahre lang Englisch
gelernt und danach zu Hause ein halbes Jahr Esperanto. Und dann,
nach dem halben Jahr, hab' ich auf einmal gemerkt, daž ich schon
besser Esperanto sprach als Englisch. Da verstehen Sie natrlich, daž
ich Esperanto fr eine bessere L"sung des Sprachenproblems halte."


32

Der derzeitige Vorsitzende des Esperanto-Weltbundes UEA, Prof. John
Wells, schreibt in seinem Vorwort zum UEA-Jahrbuch 1990: "... Es
wird schliežlich die Zeit kommen, wo die Menschheit eine rationale
L"sung dieses Problems finden wird, durch einen radikalen und
endgltigen Schritt: die Annahme der internationalen Sprache Esperanto.
Unterdessen hat die Esperanto-Bewegung die Aufgabe, nicht nur fr
diese L"sung zu pl"dieren, sondern auch durch ihr Beispiel deren
Zweckm"žigkeit zu zeigen."

Der Anfang dieses Zitats wirkt recht optimistisch und zeigt, daž
zumindest unter einem Teil der Esperantisten das ursprngliche Ziel
des Esperanto, das Sprachenproblem nicht nur im kleinen, sondern im
grožen Rahmen zu l"sen, auch heute noch aktuell ist.

Die letztere Einstellung entspricht auch meiner Meinung. Esperanto lebt,
in mancherlei Hinsicht sogar heute mehr als je zuvor, und ein
Sprachenproblem existiert weiterhin. Es gibt also keinen Grund, von
dem ursprnglichen Ziel des Esperanto abzurcken.

Nachfolgend sei untersucht, wieso Esperanto eine zweckm"žige L"sung
des Sprachenproblems darstellt. Vielleicht k"nnen diese Ausfhrungen
auch ein bižchen dazu beitragen, Esperanto-Freunde, die sich unsicher
sind bezglich der Ziele und Zukunftschancen des Esperanto, aus ihrer
Orientierungslosigkeit zu befreien.

Ich m"chte dabei zun"chst die Vorteile des Esperanto gegenber
anderen Sprachen aufz"hlen. Im Grunde folgt bereits daraus die
Zweckm"žigkeit des Esperanto, denn sicher gibt es Argumente dafr,
Fremdsprachen zu lernen, und wenn Esperanto nun bedeutende Vorzge
hat, dann ist es eben sinnvoll, vor allem Esperanto als erste
Fremdsprache zu unterrichten. Auf tiefere Argumente werde ich erst
anschliežend eingehen.

Fast alle Argumente fr Esperanto lassen sich auf zwei Vorzge
zurckfhren: die leichte Erlernbarkeit und die Neutralit"t. Wohl jeder
Mensch mit indoeurop"ischer Muttersprache, der Esperanto und davor
oder danach noch weitere Fremdsprachen gelernt hat, h"lt es fr
glaubwrdig, daž Esperanto drei- bis zehnmal leichter ist als Englisch
oder Franz"sisch; d.h. man kann sich schon nach einem Zehntel bis
einem Drittel der Zeit darin gut verst"ndigen.

Natrlich gibt es auch bertriebene Sch"tzungen. So schreibt Richard

33

Schulz in seinem Buch "Was nun Esperanto betrifft" (S. 145): "Mag es
noch immer fnfzigmal mehr Menschen geben, die Englisch sprechen als
solche, die die Internationale Sprache sprechen, dafr ist diese
mindestens fnfzigmal leichter erlernbar und hat obendrein eine
glorreiche Zukunft vor sich, die jngere Menschen noch erleben
werden." Sicher wird jeder, der Esperanto unterrichtet, anhand der
Fortschritte seiner Schler schnell einsehen, daž die Sch"tzung
"fnfzigmal leichter" keineswegs haltbar ist.

Die Leichtigkeit des Esperanto wird durch mehrere Faktoren erm"glicht:
Erstens hat Esperanto eine einfache, ausnahmefreie Grammatik; die
Grundgrammatik besteht aus nur 16 Regeln, und alles, was im
Esperanto logisch ist, ist auch zul"ssig und richtig. Zweitens sind die
Wortst"mme bedeutenden europ"ischen Sprachen entnommen, wobei
vor allem international bekannte Wortst"mme ins Esperanto
aufgenommen wurden, und drittens verringert ein System von Vor- und
Nachsilben die Zahl der zu lernenden Vokabeln erheblich.

Zumindest der erste und der dritte dieser Vorteile gelten auch fr
Menschen mit nicht-indoeurop"ischer Muttersprache. Natrlich ist es
fr Chinesen oder Japaner schwieriger, sich die Esperanto-W"rter
einzupr"gen, doch dafr weist Esperanto von der Struktur her auch
gewisse Žhnlichkeiten mit asiatischen Sprachen auf. Die Wortbildung
des Esperanto, wo aus Wortst"mmen mit Hilfe von Vor- und Nachsilben
W"rter gebildet werden (z.B. malsanulejo = mal-san-ul-ej-o
= Gegenteil-gesund-Person-Ort-Hauptwort = Krankenhaus) "hnelt ein
bižchen der Wortbildung im Chinesischen. Claude Piron geht in seinem
Buch "Esperanto _ eine linguistische Standortbestimmung" sogar so
weit, daž er schreibt, daž Esperanto "hinsichtlich der Tiefenstruktur
(...) im Grunde eine isolierende Sprache" wie Chinesisch oder
Vietnamesisch ist. Auch Japaner und Chinesen bezeichnen Esperanto als
"viel leichter als andere westliche Sprachen" (Ouyang Wendao in "El
popola ^Cinio 1/1980) und auch als "leichter als andere asiatische
Sprachen" (ein Japaner auf dem IJK 1987).

Mit der Leichtigkeit des Esperanto ist noch ein weiterer bedeutender
Vorzug des Esperanto verbunden: Esperanto bildet eine sehr gute
Grundlage fr das Lernen weiterer Sprachen. Hier kann man natrlich
einwenden, das gelte doch auch fr Latein, denn auch wer Latein kann,
lernt andere Sprachen leichter. Das ist natrlich richtig, doch es gibt
einen wesentlichen Unterschied: Wer Latein lernt, muž viel "Ballast"
auswendig lernen, z.B. Deklinationen (dominus, domini, maskulinum...),

34

Konjugationen, die Abh"ngigkeit der Demonstrativpronomen von
Geschlecht und Fall (hic, haec, hoc...) usw., was viel Zeit erfordert, fr
das Erlernen weiterer Sprachen aber nicht allzu ntzlich ist. Bei
Esperanto hingegen braucht man nur wenig auswendig zu lernen, dafr
wird dort in erster Linie die F"higkeit geschult, Wortarten (Substantive,
Adjektive, Adverbien...) und die Funktion von Satzteilen im Satz
(Subjekt, Akkusativ-Objekt...) zu erkennen. Gerade das ist
ausgesprochen ntzlich, wenn man noch weitere Sprachen lernt.

Ein Schulversuch in Ungarn in den 60er Jahren soll gezeigt haben, daž
durch einen Esperanto-Unterricht, der 200 Stunden erfordert, beim
anschlieženden Lernen einer zweiten Fremdsprache 250, 300, 400 oder
sogar 500 Stunden eingespart werden k"nnen _ je nachdem, ob diese
zweite Sprache Russisch, Deutsch, Englisch oder Franz"sisch ist (R. u.
M. Klag in "Esperanto in Baden-Wrttemberg" 4/87). Wenn das wahr
ist, so ist das natrlich ein ausgesprochen schlagkr"ftiges Argument
fr die Einfhrung des Esperanto in die Schulen; und man kann es
geradezu als skandal"s empfinden, daž diese Einfhrung noch nicht
geschehen ist.

Betrachten wir nun den zweiten bedeutenden Vorzug des Esperanto, die
Neutralit"t. Der Esperanto-Wortschatz basiert auf etwa 10
europ"ischen Sprachen, vor allem auf Latein, Franz"sisch und weiteren
romanischen Sprachen. Dennoch ist es keine allzu grože šbertreibung,
wenn Esperanto-Freunde in ihrer Werbung behaupten, daž Esperanto
"keinen bevorzugt oder benachteiligt". Auch ein Mensch mit romanischer
Muttersprache braucht einige Zeit, um Esperanto zu beherrschen, und
auch ein Japaner mit mittlerer Bildung kann in wenigen Jahren zum
flieženden Sprechen des Esperanto kommen. Eine v"llige
Gleichbehandlung aller 2796 von der Franz"sischen Akademie der
Wissenschaften registrierten Sprachen ist, wenn man nur mit diesen
Sprachen internationale Verst"ndigung betreiben will, offensichtlich
unm"glich; und alle bisherigen Versuche, eine Plansprache zu
entwickeln, die fr Europ"er und Asiaten gleich leicht erlernbar ist,
blieben erfolglos: Nicht-eurozentristische Sprachprojekte wie das 1957
von Barnett Russell vorgestellte "Suma" oder das 1960 von James C.
Brown ver"ffentlichte "Loglan" erwiesen sich in der Praxis als ziemlich
unbrauchbar. Das bedeutet, daž Esperanto sicher die gerechteste
L"sung des Sprachenproblems darstellt _ die L"sung, bei der man dem
Ziel, niemanden zu bevorzugen oder zu benachteiligen, am n"chsten
kommt.


35

In internationalen Organisationen mit mehreren Amtssprachen wie der
EG oder der UNO stellt die Verwendung einer neutralen internationalen
Sprache wie Esperanto den zweifellos bestm"glichen Kompromiž
zwischen zwei Bedrfnissen dar: den Aufwand fr šbersetzungen auf
ein Minimum zu reduzieren und dennoch die Gleichberechtigung der
Sprachen der Mitgliedsl"nder wenigstens ann"hernd zu gew"hrleisten.

Im Zusammenhang mit den Vorzgen des Esperanto m"chte ich noch
auf die Sch"nheit und Ausdrucksf"higkeit und dieser Sprache eingehen.
Viele Esperanto-Sprecher halten diese Sprache fr sch"ner als
Englisch. Wegen des Reichtums an Vokalen und der Klarheit des
Esperanto kann das durchaus richtig sein. Natrlich kann auch
Esperanto schauderhaft klingen, aber dann liegt das nicht an der
Sprache, sondern am Sprecher. So habe ich schon mehrfach erlebt,
daž sich etwa ein Franzose nicht um eine gute Aussprache bemht und
viele Vokale nasaliert ausspricht und stets die letzte Silbe (statt der
vorletzten) betont. Wenn man sich dagegen die von den Italienern
Gianfranco Molle und Marcella Fasani gesungenen Esperanto-Lieder auf
der Kassette "BAF" oder aber die Berichte der Sprecher der
Esperanto-Sendungen von Radio Polonia anh"rt, wird man Esperanto
sicher als sch"ne Sprache empfinden. Zumindest Menschen mit
slavischer Muttersprache sprechen das "r" als Zungenspitzen-r und die
Vokale stets offen aus (also so, wie man 's eigentlich soll), was
wesentlich zum Wohlklang dieser Sprache beitr"gt. Menschen, die die
weder Spanisch noch Italienisch sprechen, halten, wenn sie eine
Unterhaltung auf Esperanto h"ren, dies oft fr eine dieser Sprachen.
Das legt nahe, daž Esperanto auch etwa ebenso sch"n wie Spanisch
oder Italienisch klingt; und diese Sprachen werden meist als sehr
wohlklingend bezeichnet.

Natrlich ist auch Englisch nicht gerade h"žlich _ wohl jeder kennt
Lieder, die in dieser Sprache unheimlich sch"n klingen; und doch glaube
ich, daž eine gewisse Abneigung gegen das Englische, wie man sie bei
Espis oft beobachtet, nicht nur mit der M"chtigkeit, sondern auch mit
dem Klang dieser Sprache zusammenh"ngt. Als Beispiel fr diese
Abneigung m"chte ich ein Erlebnis auf dem IS 1987/88 in der
Jugendherberge Hannover erz"hlen. Gegen Ende des Treffens teilte der
Herbergsvater per Durchsage mit: "Bitte r"umen Sie die Zimmer bis 12
Uhr. _ Please check off until 12 o' clock." Nach diesen englischen
Worten kam es gleich zu Pfiffen un Buh-Rufen. Als dann der junge
Schweizer Ueli Haenni ans Mikrofon trat und mit seiner sympathischen
Stimme auf Esperanto sprach: "Ich m"chte die Durchsage in einer
verst"ndlicheren Sprache wiederholen...", bekam er einen Riesen-Beifall.
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Betrachten wir nun die Ausdrucksf"higkeit des Esperanto.
Auženstehende halten es oft fr unm"glich, daž man in einer
"knstlichen Sprache" alle Gedanken und Gefhle ausdrcken kann. Es
gibt jedoch vieles, was man einem solchen Zweifler vorzeigen k"nnte:
das "Plena Ilustrita Vortaro", das auf 1212 dicht gesetzten Seiten etwa
16.000 Wortst"mme und die wichtigsten 50.000 daraus gebildeten
W"rter mit pr"zisen einsprachigen Erkl"rungen und Beispielen enth"lt;
das 600-seitige W"rterbuch Deutsch-Esperanto von Erich-Dieter
Krause mit 30.000 deutschen Stichw"rtern oder irgendwelche der vielen
Tausend ins Esperanto bersetzten Werke der Weltliteratur. Etwa
100.000 sinnvolle W"rter kann man aus den Wortst"mmen des Esperanto
mit Hilfe von Wortbildungssilben und Endungen bilden, und damit l"žt
sich natrlich eine Menge ausdrcken. Dazu gibt es noch weit ber 100
Esperanto-Fachw"rterbcher mit Zehntausenden weiterer W"rter.

Natrlich gibt es im Deutschen und in jeder anderen Sprache W"rter,
die man nur etwas unpr"zise oder umst"ndlich ins Esperanto
bersetzen kann. Beipiele sind "aufheben" (meist durch das allgemeinere
Wort "levi" bersetzt), "holen" ("iri por preni") und Stammtisch ("tablo
rezervita por regulaj gastoj"); doch hier tritt z.B. im Franz"sischen
genau das gleiche Problem auf. Aužerdem findet man auch umgekehrt
im Esperanto unz"hlige W"rter, die sich nicht pr"zise und elegant ins
Deutsche bersetzen lassen _ z.B. "malsoifa" (keinen Durst habend),
"festemulo" (jemand, der gerne feiert) oder "tezi" (eine These
aufstellen. Claude Piron stellt in seinem Buch "La bona lingvo"
zahlreiche Beipiele interessanter, in den meisten Nationalsprachen nicht
nachvollziehbarer Wortbildungen im Esperanto vor, die er in
Esperanto-sprachigen Vortr"gen und Unterhaltungen zuf"llig bemerkt
hat, und folgert: "Die selbsternannten Literaturexperten, die unseren
Wortschatz geringsch"tzen, haben ein Vorurteil. Ein Nachurteil kann nur
zur Anerkennung der zu sch"pferischer Bet"tigung anregenden Natur
dieser Sprache fhren und eine Verwunderung ber deren sofortige
interkulturelle Verst"ndlichkeit hervorrufen."

Demnach liefert auch die Frage nach der Ausdrucksf"higkeit eher ein
Argument fr als gegen Esperanto, besonders, wenn man bedenkt, daž
man im Esperanto schon mit relativ geringem Lernaufwand eine hohe
Ausdrucksf"higkeit erreichen kann. Der extrem reiche Wortschatz des
Englischen ntzt h"chstens Wissenschaftlern und Dichtern, die dadurch
leichter einen passenden Fachbegriff oder ein passendes Wort finden;
im Alltagsleben und bei Zweitsprachlern ist er bei der Verst"ndigung
eher hinderlich.

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Noch ein letzter Vorzug des Esperanto sei hier genannt: die gute
Eignung fr die Datenverarbeitung. Esperanto ist ausgesprochen logisch
aufgebaut, und das macht man sich bereits bei der computergesttzten
šbesetzung zunutze. Es gibt viele Versuche, Sprachen mit Hilfe von
Computern zu bersetzen. Einer davon, den die niederl"ndische
Software-Firma BSO mit hoher finanzieller Untersttzung des
niederl"ndischen Staates durchfhrt, benutzt Esperanto als
Brckensprache. In einigen Jahren wird sich zeigen, ob sich dieses
System gegenber anderen Versuchen (die entweder gar keine oder
aber z.B. eine auf Englisch und Japanisch basierende Brckensprache
benutzen) durchsetzen wird.


Nach all diesen Bemerkungen ber die Sprache Esperanto und ihre
Qualit"ten m"chte ich schliežlich versuchen, die Argumente fr
Esperanto aus einer tieferen Perspektive zu betrachten. Hier gibt es
viele verschiedene Ans"tze _ fast m"chte ich sagen, so viele
verschiedene, wie es Menschen gibt, die sich fr Esperanto engagieren
_ und darum fange ich einfach mal bei mir an, indem ich meine eigenen
Gedanken erl"utere. Ausgangspunkt meiner šberlegungen ist schlicht
und einfach die Erfahrung, daž es unangenehm ist, wenn zwei
Menschen, die aus irgendeinem Grund aufeinandertreffen, sich nicht
verst"ndigen k"nnen. Und weil wir alle etwas dafr tun sollten, daž sich
die Menschen auf dieser Erde m"glichst wohl fhlen, sollten wir uns
dafr einsetzen, daž solche unangenehmen Erfahrungen m"glichst selten
sind. Durch Esperanto lassen sich die Verst"ndigungsprobleme auf der
Welt wesentlich vermindern. Man k"nnte darum sagen: "Esperanto tr"gt
zum Wohlbefinden der Menschheit bei", oder kurz: "Esperanto ist ein
Stck Lebensqualit"t".

Dieser Ansatz setzt eine gewisse Sensibilit"t fr
Verst"ndigungsprobleme voraus. Gerade daran dachte vermutlich der
Brasilianer Walter Francini, als er in dem Buch "Esperanto sen
antaÝuju^goj" (Esperanto ohne Vorurteile) auf S. 160 schrieb: "Der
Halbschatten, in dem Esperanto lebt, ergibt sich aus der Tatsache, daž
es eine Empfindsamkeit voraussetzt, die die Mehrheit der Menschen
noch nicht besitzt." Sicher neigen viele Menschen bewužt oder
unbewužt zu der Auffassung, daž sie mit Leuten, mit denen sie sich
nicht verst"ndigen k"nnen, auch nichts zu tun haben wollen. Sie
bereisen fremde L"nder, ohne wirklich das Bedrfnis zu haben, mit den
Menschen dort in Kontakt zu kommen. Sollten sie dennoch einmal
Verst"ndigungsprobleme haben _ sei es im Restaurant, beim

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Fahrkartenschalter oder im Postamt _ , so empfinden sie nicht die
j"mmerliche Kommunikation selbst als schmerzhaft, sondern h"chstens
die Tatsache, daž sie ihren Wunsch eventuell nicht erfllt bekommen.
Dieselbe Gleichgltigkeit kennzeichnet ihr Verh"ltnis zu ihren
ausl"ndischen Mitbrgern in ihrer Heimat. Meine Empfindungen sind da
anders. Darum habe ich die Geschichte mit Sebahattim an den Anfang
dieses Buches gestellt. Darum habe ich Esperanto gelernt.

Natrlich kann man hier einwenden, daž dieses Argument nicht so
enorm schlagkr"ftig sei; ein Mensch, der in seinem Leben praktisch nie
Verst"ndigungsprobleme hat (z.B. weil er selten verreist oder viele
Sprachen beherrscht), ist doch nicht unbedingt glcklicher als jemand,
der diese Probleme fast t"glich erlebt. Das ist nicht ganz falsch; doch
kann man hier entgegnen, daž ja auch der Aufwand fr eine
schrittweise Einfhrung des Esperanto als Zweitsprache nicht so enorm
grož ist _ er ist sogar recht gering: Zun"chst mžten einige
Lehramtsstudenten (neben anderen F"chern) auch Esperanto studieren,
was viele sicher gerne tun, wenn sie wissen daž sie das sp"ter
unterrichten k"nnen. Und dann lernen eben immer mehr Schler
Esperanto in der Schule _ natrlich nicht gleich anstelle aller anderen
Fremdsprachen, sondern z.B. als freiwillige Alternative zum Latein oder
ein Jahr lang als Vorbereitung auf den Fremdsprachenunterricht.

Doch der Gedankengang zu den Argumenten fr Esperanto l"žt sich
auch fortsetzen. Ein Abbau der Sprachbarrieren bringt noch weitere
bedeutende Vorteile mit sich. Dazu m"chte ich ein paar šberlegungen
vorstellen:

* Es ist wnschenswert, daž in allen L"ndern nationale Egoismen
verschwinden und zwischen den V"lkern ein m"glichst starkes Gefhl
der Verbundenheit und Solidarit"t aufkommt. Wenn sich die gesamte
Menschheit als zusammengeh"rig, ja geradezu als ein Volk empfindet,
wird sich die Bereitschaft zu wirtschaftlicher Hilfe gegenber "rmeren
L"ndern und Regionen wesentlich erh"hen _ so, wie seit dem Fall der
Mauer die westlichen Bundesl"nder die "stlichen entscheidend
wirtschaftlich untersttzen.

* Die F"higkeit, ber Sprach- und L"ndergrenzen hinweg gut
zusammenzuarbeiten, schafft gnstige Voraussetzungen fr die
šberwindung gemeinsamer, grenzberschreitender Probleme, etwa im
Bereich des Umweltschutzes.


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* Eine gegenseitige kulturelle Bereicherung zwischen den verschiedenen
V"lkern ist vorteilhaft, da wir auch heute noch viel voneienander lernen
k"nnen.

Bei allen diesen Punkten ist Esperanto ausgesprochen ntzlich. Kinder
und Jugendliche, die heute Esperanto lernen, k"nnen schon frh erleben,
daž Ausl"nder insgesamt gesehen ebenso liebenswerte Menschen sind
wie ihre Landsleute. Zwar habe ich ab und zu erlebt, daž Espis gerade
aufgrund ihrer Kontakte zu Menschen anderer L"nder Anl"sse finden,
negative Dinge ber andere V"lker zu sagen (so h"rte ich mal die
Žužerungen: "Ich versteh' die Japaner nicht" und - anl"žlich des
Verhaltens polnischer Teilnehmer auf dem Internacia Festivalo 1988/89
in Trier: "Da sieht man, warum Polen ein armes Land ist"), doch
insgesamt gesehen ist ein deutliches šberwiegen der positiven
Einstellungen zu bemerken. Viele Espis haben ein "Lieblingsvolk", das sie
besonders sch"tzen, da sie erlebt haben oder zumindest glauben, daž
sie sich mit dessen Angeh"rigen besonders gut verstehen.

Mit dem Abbau der Sprachbarrieren werden sich die internationalen
Kontakte vervielfachen. Durch den Tourismus, den internationalen
Jugendaustausch (den der bundesdeutsche Staat ja bereits heute
f"rdert), Briefkontakte usw. entsteht dann zwischen den Menschen aus
aller Welt ein relativ dichtes Geflecht pers"nlicher Beziehungen ber
Grenzen hinweg. Das ist ntzlich, denn dadurch werden abstruse
Vorstellungen ber Ausl"nder (wie ich sie ganz am Anfang dieses
Buches angedeutet habe) verschwinden; Feindbilder und Vorurteile
werden abgebaut, und zwischen den V"lkern entsteht ein gewisses
Gefhl der Verbundenheit, das, wie ich oben angedeutet habe, vor allem
den Menschen in "rmeren L"ndern Nutzen bringen kann.

Doch ich m"chte noch einen Schritt weitergehen und betonen, daž so
ein dichtes Geflecht pers"nlicher Beziehungen auch dem Frieden in der
Welt f"rderlich ist. Das ist offensichtlich, denn wer viele Freunde im
Ausland hat, erweitert seinen Horizont und wird Differenzen zwischen
politischen Systemen und Konflikte auch aus der Perspektive der
anderen Seite betrachten. Ein Beispiel m"ge das illustrieren: Auf dem
Internationalen Seminar in Traben-Trarbach um die Jahreswende
1988/89 hielt die junge Russin Inna Vozlinskaja einen Vortrag ber
Perestroika. Als sie dort jemand fragte, wie sie ber das Streben der
baltischen Staaten nach Autonomie denke, antwortete sie mit dem, was
sie wohl auf der Schule gelernt hat: "Wir, die Russen, haben diesen
L"ndern frher sehr geholfen, und nun wollen sie sich auf einmal von

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uns trennen. Das ist ungerecht. Wenn ihr einen Freund habt, dem ihr
helft, und der euch dann einfach verl"žt, dann findet ihr das doch auch
nicht gut..." Ein Ungar, in dessen Land ja damals bereits volle
Meinungsfreiheit herrschte, entgegnete ihr daraufhin: "Ich glaube, daž
die baltischen Staaten diese Hilfe nicht allzu sehr erbeten haben..." Je
h"ufiger so ein internationaler Meinungsaustausch ist, desto grndlicher
werden nationale Standpunkte und einseitige Betrachtungsweisen
verschwinden.

Im Zusammenhang mit dem Thema "Frieden", das mit dem Golfkrieg im
Jahre 1991 wieder an Bedeutung gewonnen hat, m"chte ich noch
betonen, daž die Esperanto-Kultur recht pazifistisch gepr"gt ist.
Wenngleich man auch unter Espis verschiedene Weltanschauungen und
verschiedene politische Ansichten finden, so liegt es ihnen im
allgemeinen doch sehr am Herzen, den Weg zur Verst"ndigung zu
ebnen, statt Konflikte mit Waffengewalt zu l"sen. Nach einem
Durchbruch des Esperanto wrden sich die Schler im
Fremdsprachenunterricht sicher auch intensiv mit dem Homaranismus
(einer Verbrderungslehre, einer Art Menschheitsreligion) Zamenhofs
besch"ftigen, und das ist einer friedlichen Zukunft der Menschheit
sicher f"rderlicher als das Lesen von Caesars "Gallischem Krieg".

Zum Schluž dieser Ausfhrungen, die die wichtigsten šberlegungen
beinhalten, aufgrund derer ich mich fr Esperanto engagiere, m"chte
ich noch erw"hnen, daž die meisten der hier genannten Argumente
nicht nur dann bedeutsam sind, wenn wir fr die allgemeine Einfhrung
des Esperanto als Zweitsprache pl"dieren, sondern bereits dann, wenn
wir den relativ kleinen Kreis der Menschen, die Esperanto praktizieren,
etwas vergr"žern wollen. Bereits heute hat Esperanto einen positiven
Einfluž auf die Pers"nlichkeitsentwicklung junger Menschen: Sie
erweitern ihren Horizont, schliežen Freundschaften mit Menschen in
anderen L"ndern, lernen deren Meinungen und Standpunkte kennen;
unter den Esperanto-Sprechenden gibt es bereits ein "dichtes Geflecht
pers"nlicher Beziehungen ber Grenzen hinweg". Und doch ist der
gegenw"rtige Zustand noch v"llig unbefriedigend; vor allem natrlich in
quantitativer Hinsicht. Ungeachtet aller Sch"tzungen der Zahl der
Esperanto-Sprechenden (man h"rt meist etwas von einer Million, drei
Millionen oder manchmal sogar 10 Millionen) glaube ich, daž derzeit
weltweit nur 100.000 bis 500.000 Menschen mit Esperanto
internationale Kontakte praktizieren _ sei es durch Teilnahme an
internationalen Treffen oder, was wohl h"ufiger ist, durch Briefkontakte.
Diese Zahl k"nnte um das Tausendfache, vielleicht sogar um das
Zehntausendfache, steigen.
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Desweiteren bietet theoretisch gerade Esperanto auch weniger
sprachbegabten Menschen die Chance, an der internationalen
Verst"ndigung teilzuhaben. In der Praxis sieht es jedoch so aus, daž
man Esperanto gew"hnlich so ganz nebenbei lernen muž, vor allem zu
Hause, denn an Esperanto-Kursen gibt es in Deutschland fast nur
Anf"ngerkurse (mit 12 bis 30 Unterrichtsstunden) und ab und zu mal
irgendwo einen Fortgeschrittenenkurs. So kommt es, daž es in der
Deutschen Esperanto-Jugend praktisch keine Hauptschler, sondern fast
ausschliežlich Gymnasiasten, Abiturienten und Studenten gibt. Die
meisten von ihnen k"nnten sich auch in anderen Fremdsprachen gut
verst"ndigen. Positiv ist allerdings, daž durch Esperanto viele Menschen,
die sich oft eigentlich blož aus Neugier fr diese Sprache interessieren,
fast automatisch unz"hlige internationale Kontakte bekommen und sich
schliežlich selbt auf dem Gebiet der internationalen Jugendarbeit
engagieren, was sie ohne Esperanto wohl nicht tun wrden.


Nach diesen šberlegungen m"chte ich, soweit es mir m"glich ist, die
Ans"tze anderer Esperantisten erl"utern. Hier fange ich am besten bei
Zamenhof an. In seinem vielzitierten Brief an Nikolaj Borovko aus dem
Jahre 1894 oder 1896 schrieb er, daž es die Erfahrung der Feindschaft
zwischen den verschiedenen Bev"lkerungsgruppen in seiner Geburtsstadt
Bialystok war, die in ihm den "Traum von einer einzigen
Menschheitssprache" hervorrief: "In einer solchen Stadt fhlt eine
sensible Natur mehr als irgendwo sonst das schwere Unglck der
sprachlichen Verschiedenheit und gelangt bei jedem Schritt aufs neue
zu der šberzeugung, daž die Verschiedenheit der Sprachen der einzige,
oder zumindest der wichtigste Grund ist, der die Menschheitsfamilie
trennt und in feindliche Teile teilt."

Bereits vorher hatte Zamenhof geschrieben: "Die wirklichen Mauern
zwischen den V"lkern, die wirkliche Ursache jeglichen Hasses zwischen
den V"lkern ist nur die Verschiedenheit der Sprachen und Religionen...
Die Getrenntheit und der Haž zwischen den V"lkern werden erst dann
verschwinden, wenn die ganze Menschheit eine Sprache und eine
Religion haben wird." (Originala Verkaro, S. 350-351)

Zamenhof bersch"tzte offensichtlich ein wenig die Rolle der Sprache
bei den Feindschaften und Konflikten zwischen Staaten und
Bev"lkerungsgruppen. Die Erfahrung der letzten Jahrzehnte zeigt, daž
dabei die Gegens"tze zwischen verschiedenen politischen Systemen
nicht weniger bedeutsam sind. Dennoch ist es sicher nicht falsch zu

42

sagen, daž eine gemeinsame Sprache der Freundschaft zwischen
V"lkern f"rderlich ist. Daž die beiden deutschen Staaten zueinander
gefunden haben, obwohl in der DDR langer Zeit "von oben" versucht
wurde, ein Feindbild zu erzeugen, wurde nicht zuletzt durch die
gemeinsame Sprache erm"glicht. Denn das West-Fernsehen und die
pers"nlichen Kontakte zu ihren Verwandten und Freunden im Westen
zeigten den DDR-Brgern, daž unse

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Ein dreiviertel Jahr sp"ter kam es dann zu einem Wiedersehen mit
zahlreichen Teilnehmern des Minsker Jugendtreffens. Etwa 100
Sowjetbrger hatten sich fr das Internationale Seminar der Deutschen
Esperanto-Jugend um die Jahreswende 1989/90 in Neumnster
angemeldet, und 40 von ihnen hatten ihr Visum rechtzeitig bekommen,
so daž sie tats"chlich auf das Seminar fahren konnten. Zusammen mit
ber 300 weiteren Teilnehmern aus 27 L"ndern besch"ftigten sie sich
dort eine Woche lang mit dem Seminarthema "Sowjetunion"; natrlich
gab 's auch (wie auf einem so grožen Jugendtreffen v"llig
selbstverst"ndlich ist) wieder ein reichhaltiges Unterhaltungs- und
Abendprogramm.

Auch Elena traf ich dort wieder; n"her kennengelernt hatten wir uns
allerdings erst auf einem Nachtreffen dieses IS, das in Bckeburg bei
Minden stattfand. Dort kamen etwa 30 der 350 IS-Teilnehmer
zusammen, um nach der "Massenveranstaltung" noch ein paar Tage in
einem kleineren Kreis gemeinsam zu verbringen. Natrlich hatte man da
eine weit gnstigere Gelegenheit, Freundschaften zu vertiefen und
jemandem auch menschlich n"herzukommen. Ich bewunderte ein wenig,
wie lebhaft und flssig Elena dort ihre Gedanken ber die sowjetische
Politik erl"uterte, etwa ihre Abneigung gegen Gorbatschow, der die
Entwicklung in ihrem Land nur bremse, und Jelzin, den sie fr einen
guten Menschen hielt. Elena verriet mir dort auch einiges ber ihre
Herkunft: Ihr Vater sei Assyrer, ihre Mutter Ukrainerin; sie selbst sei
nach ihrem Paž Sowjetbrgerin assyrischer
115

Nationalit"t. Von ihrem Volk g"be es noch ein bis zwei Millionen
Vertreter, vor allem in den USA, Schweden und der Sowjetunion. Ein
ziemlich exotisches Wesen war sie also, zumal ich bis dahin geglaubt
hatte, die Assyrer seien bereits seit langem ausgestorben, oder
zumindest durch Vermischung mit anderen V"lkern verschwunden.

Es machte mir Spaž, mich bei den Mahlzeiten ihr gegenber zu setzen,
ihr zuzul"cheln und mich mit ihr nett zu unterhalten. Wir tauschten ein
paar Komplimente aus, und da sie ohnehin noch ein paar Wochen durch
Deutschland fahren wollte, vereinbarten wir, daž sie mich bald besucht.
Das tr"stete mich ein wenig bei unserem Abschied, dessen Herzlichkeit
mich zutiefst rhrte.

Zwei Wochen sp"ter kam Elena dann bei mir in Heidelberg an. Eine
tiefe innere Freude durchstr"mte mich bei unserem Wiedersehen, und
natrlich hatten wir uns gleich eine Menge zu erz"hlen. Sie sprach ber
ihren bisherigen Aufenthalt in Deutschland, und ich zeigte ihr Fotos vom
IS, von unserem Treffen in Minsk und anderen
Esperanto-Veranstaltungen. Nur ber ein Thema sprachen wir nicht _
ber die Frage, wie lange sie bei mir bleiben wolle; denn wir sprten
beide, daž etwas in der Luft lag, uns beide erfllte eine sže Vorahnung
von einigen z"rtlichen Tagen, vielleicht auch Wochen, Monaten, Jahren,
Jahrzehnten...

Ich erinnerte mich an Manfred, der ja seine japanische Frau auf einem
Esperanto-Treffen kennengelernt hatte, und ich fhlte, daž sich bei mir
nun etwas Žhnliches anbahnte, denn inzwischen hielt ich mich doch fr
liebenswert; ich schrieb es nur meiner Mutlosigkeit, meinem Z"gern zu,
daž ich bislang allein blieb. Dieses Z"gern beherrschte mich auch nun
noch ein wenig, so daž wir nicht etwa Hand in Hand, sondern nur ganz
normal nebeneinander hergingen, als wir uns am folgenden Tag auf den
Weg zum Heidelberger Schlož machten. Ich erz"hlte ihr, daž ich in den
drei Jahren zuvor schon Espis aus Brasilien, Belgien, Frankreich, Polen
und den USA diese Sehenswrdigkeit gezeigt hatte.

Auf dem Weg dorthin trafen wir eine junge Koreanerin, die uns mit der
Frage: "Excuse me, where is the castle?" ansprach. _ "Straight on",
antwortete ich, und fgte noch hinzu: "We are just going to it." Elena
meinte, daž sich diese junge Frau sicher ein bižchen allein fhle, und
darum boten wir ihr gleich ganz deutlich an: "You can go with us." Da
freute sich unsere neue Bekannte, die sich uns mit "Kim" vorstellte

116

(ihren gesamten Namen konnten wir uns nicht merken), und setzten zu
dritt unseren Weg fort. Kim sprach Englisch mit starkem koreanischen
Akzent; manchmal r"tselten wir beide, Elena und ich, darber, was sie
uns denn nun sagen wollte. Bei diesem Gesp"ch bekamen wir beide
auch einen guten Eindruck darber, wie gut wir, die wir auf der Schule
vier bzw. acht Jahre lang Englisch gelernt hatten, uns verst"ndigen
k"nnten, wenn es Esperanto nicht g"be: Wohl ziemlich mies. Natrlich,
h"tten wir unsere Energie statt auf Esperanto voll auf Englisch
konzentriert, s"he es mit unserer Sprechf"higkeit etwas besser aus _
doch h"tten wir auch dann sicher nicht dieses Niveau erreicht, das nun
auch Kim beeindruckte. Wir informierten sie ein bižchen ber
Esperanto, sie versprach, es nach ihrer Rckkehr in Korea zu lernen,
was sie jedoch _ wie uns ein knappes Jahr sp"ter ihre mit "Merry
Christmas" beginnende Weihnachtskarte vermuten liež _ wohl nicht
erfllte. Am sp"ten Nachmittag trennten wir uns; Kim machte sich auf
ihren Weg zum Hotel, und ich sagte zu Elena: "Du hast eine
angenehmere Art gew"hlt, fremde L"nder zu bereisen, als diese
Touristin..."

Wieder zu Hause angekommen, geschah dann das Unvermeidliche. Wir
rckten n"her zusammen, dann fielen wir uns in die Arme, kžten uns
_ und h"rten das Telefon klingeln.

Es meldete sich ein GEJ-Mitglied: "Ich habe gerade den
Vorstandsbericht in der GEJ-Gazeto gelesen. Ich hatte dich doch
ausdrcklich gebeten, diesmal eine genaue
Einnahmen-Ausgaben-Rechnung abzudrucken _ und du hast das wieder
nicht getan.
"So ein Blatt wurde auf unserer Jahrenhauptversammlung auf dem IS in
Neumnster verteilt..."
"Du weižt doch, daž ich dieses Jahr nicht auf das IS in Neumnster
fahren konnte. Ich finde, das ist eine ganz grože Sauerei, daž nur die
Leute diese Informationen bekommen, die auf 's IS fahren."
Ich diskutierte mit ihm die Vor- und Nachteile, eine genaue Auflistung
unserer Einnahmen und Ausgaben in der GEJ-Gazeto abzudrucken, und
schlug ihm vor: "Am besten wendest du dich direkt an unseren
Kassierer, er wird dir sicher gerne diese Informationen zuschicken."

Er zeigte sich damit einverstanden, und erleichtert legte ich auf. "Der
hat Probleme!", dachte ich, "Das Wichtigste am Esperanto sind doch
nicht die Einnahmen-Ausgaben-Rechnungen, sondern..." Und ein L"cheln

117

Elenas machte mich blind fr die Einsicht, daž dieser Gedanke vielleicht
in bižchen oberfl"chlich ist.

Am n"chsten Tag gingen wir ein bižchen durch die Stadt, und das junge
Glck, das uns beide verband, war unbersehbar. "Du hast so ein
konstantes L"cheln in deinem Gesicht _ der Mann hat dich gerade ganz
skeptisch angeschaut", bemerkte Elena, nachdem uns ein Passant
entgegenkam.

Allm"hlich mužten wir uns doch entscheiden, wie lange Elena noch bei
mir bleiben sollte, hatte sie doch zuvor schon einen Schlafwagenplatz
nach Moskau fr die folgende Woche reserviert, was wir natrlich
"ndern lassen wollten. Also machten wir uns auf den Weg zum
Heidelberger Bahnhof. Nach einigem Z"gern und ein paar Gespr"chen
mit seinen Kollegen war der Mann am Fahrkartenschalter bereit, uns
diesen Wunsch zu erfllen, denn ein paar Wochen sp"ter gab es
tats"chlich noch freie Pl"tze, er k"nne uns also einen Platz reservieren.
Nur wrden wir dafr keinen besonderen Beleg bekommen; die
Bettkarte habe sie ja schon in Moskau gekauft, und die Deutsche
Bundesbahn trage da nur die Daten ein; also k"nne er auch nur das
Datum um"ndern. Er warnte uns noch, daž es sein k"nne, daž der
Schlafwagenschaffner diese Žnderung nicht anerkennt. Doch wir waren
bereit, dieses Risiko in Kauf zu nehmen, denn die Alternativen waren
nur der Kauf einer neuen Fahrkarte oder, was uns beiden jedoch nicht
der šberlegung wert erschien, eine vorzeitge Trennung zwischen uns.

Zu Hause bl"tterten wir dann ein wenig in Elenas Buch, in das auch ich
damals, in Minsk, mein Phantasie-Tier gezeichnet hatte. Natrlich
kannte Elena inzwischen die Schildkr"te "Gogo", die ja das Vorbild
meiner "^Gibotestudo" war. "^Stelisteto" (du kleiner Dieb) nannte sie
mich, und meinte: "Du hast so lange berlegt und schliežlich hast du
das Tier nicht einmal selbst erfunden!" Doch kurz darauf konte ich
mich revanchieren. Ich hatte n"mlich im "Plena Ilustrita Vortaro", dem
vollst"ndigen, einsprachigen Esperanto-W"rterbuch, das so ziemlich
jeder ernsthafte und nicht allzu arme Espi zu Hause auf seinem
Bcherregal stehen hat, nachgeschaut, was die Assyrer fr ein Volk
sind. "Assyrien" (Asirio) wird dort als "antikes Land im n"rdlichen Teil
Mesopotamiens" erkl"rt, und bei "Assyrer" (asiriano) findet sich die
Erl"uterung: "Angeh"riger des Volkes, das in Assyrien wohnt und wegen
seiner Kampfeslust und Grausamkeit berhmt ist". _ "Du geh"rst einem
grausamen Volk an", sagte ich zu Elena, und sie emp"rte sich ein

118

bižchen darber, daž selbst Esperantisten, die sich ja immer fr so
tolerant halten, in einem W"rterbuch so etwas schreiben. Sie sagte,
daž das wohl der Bibel zuzuschreiben sei, da das alte Testament die
Assyrer als kriegerisch und brutal beschreibt, aber zu der Zeit waren
sie nicht anders als die anderen V"lker des Vorderen Orients auch.

Ich nahm wieder eine ernstere Mine an und tr"stete sie ein wenig,
indem ich sagte: "Auch wir Deutsche sind durch unsere Grausamkeiten
berhmt, besonders in der Sowjetunion, nicht wahr?" Elena meinte, das
das nicht ganz falsch sei: "Es gibt bei uns viele Filme, die die
Deutschen schlechtmachen. Da sieht z.B. im Krieg ein russischer
Panzerfahrer ein Baby mitten auf der Straže liegen. Er will es retten,
steigt aus, um es auf seinen Arm zu nehmen _ und wird in diesem
Augenblick von den Deutschen erschossen, denn das mit dem Kind war
nur eine Falle."

Da wurde mir wieder bewužt, wie wichtig es doch ist, daž sich junge
Menschen aus unseren beiden L"ndern miteinander unterhalten k"nnen,
um so vielleicht Reste einer in der Vergangenheit erwachsenen
Feindschaft beseitigen zu k"nnen.

Besonders beeindruckt war Elena von dem Manuskript meines Romans
"Inter aliuloj", der sp"ter mit dem ge"nderten Titel "Fajron sentas mi
interne" (einem Vers aus einem Gedicht Zamenhofs) erschien. Sie hatte
es sofort mit Begeisterung durchgelesen und bekam Lust, ein Vorwort
dazu zu schreiben, das mich schliežlich "hnlich beeindruckte wie sie das
Buch. Sie zitierte darin genau die Stellen, die auch ich fr zentral hielt,
und endete mit dem wundersch"nen Satz: "Menschen, die nicht nur
ferne und exotische L"nder subtiler kennenlernen m"chten, sondern
auch die nahen, immer fast nebenan gelegenen mysterischen "Inseln"
eines r"tselhaften und einzigartigen Geistes, erwartet eine wirklich
rhrende und nachdenklich stimmende Reise in die bewundernswerte
Vielfalt menschlicher Individuen." Auch mein damaliger Verleger, Herbert
Mayer aus Wien, "užerte sich sehr positiv darber, und somit erschien
auch dieses Vorwort _ ein berzeugendes Dokument darber, welch
tiefes gegenseitige Verstehen zwischen jungen Deutschen und
Sowjtbrgern Esperanto erm"glichen kann, und fr uns beide darber
hinaus Zeichen einer geistigen Freundschaft und Harmonie, die so tief
ist, daž sie niemals in Haž umschlagen kann.

Meine Verwandten akzeptierten meine Beziehung zu Elena recht bald;

119

nur eine Tante, der ich davon erz"hlte, "užerte sich ein bižchen
entsetzt: "Und die Kinder werden Mischlinge?!"

Meine Vermieterin, die anfangs Elenas Besuch bei mir freundlich
duldete, sprach mich auf einmal sehr ernst auf der Treppe an: "Herr
Matthias, ich muž Sie unbedingt sprechen ... wegen dem Fr"ulein!"
Doch da war die Zeit unseres Abschieds schon nicht mehr fern, und
sie war sofort beruhigt, als ich ihr sagte, daž Elena nur noch ein paar
Tage bei mir bleiben wrde, da sie eine Platzkarte nach Moskau fr die
kommende Woche habe und wir vorher noch gemeinsam nach Berlin
fahren wollten, wo ihr Zug abf"hrt. Einige Freunde und Bekannte
"užerten sich berrascht ber die Heimfahrt Elenas: "Bleibt sie nicht in
Deutschland?" Damit verstand ich auch die Angst meiner Vermieterin.
Wahrscheinlich war ihnen allen noch nicht voll bewužt, daž fr
Sowjetbrger eine Reise in den Westen heute keine einmalige
Gelegenheit in ihrem Leben darstellt, so daž auch wir beide noch viel
Zeit hatten, um ber unsere Zukunft zu entscheiden.

Ein Leben in Deutschland konnte sich Elena nicht so leicht vorstellen:
Die Menschen seinen hier ein bižchen k"lter, und als Ausl"nderin habe
man es hier nicht leicht, besonders, wenn man, wie sie, klein und
dunkelhaarig ist und nicht grož und blond. Doch auch eine lebenswerte
Zukunft in der Sowjetunion sei fr sie nur schwer vorstellbar: "Um bei
uns eine Wohnung zu bekommen, muž ich heiraten _ doch mit der
Hochzeit endet das Leben einer sowjetischen Frau." _ "Das verstehe
ich nicht, wandte ich ein, "Ich weiž, daž das Leben einer sowjetischen
Ehefrau mit vielen Problemen verbunden ist, aber es gibt doch Dinge,
die das ausgleichen _ etwa das Glck, ein Baby auf Deinem Arm zu
halten, ihm zuzul"cheln...."

"Du hast keine Ahnung", kritisierte mich Elena, "das Leben einer
sowjetischen Frau besteht doch nur aus Arbeit. Sie muž voll berufst"tig
sein, um die Familie ern"hren zu k"nnen, und die sowjetischen M"nner
erwarten, daž die Frau auch noch den ganzen Haushalt macht. Und das
ist mehr Arbeit als bei euch, wo es Waschmaschinen gibt und
Fertiggerichte. Bei euch kann man alles kaufen, ohne Schlange zu
stehen, aber stell dir eine sowjetische Frau vor, die mit ein paar Rubel
ihre Familie ern"hren muž..."

"Ja, das verstehe ich", aber das wird doch sicher auch bald besser..."
_ "In 50 Jahren vielleicht", meinte Elena. Ich fragte sie noch, wie sie

120

sich denn nun ihre Zukunft vorstelle. "Am besten denke ich da gar
nicht dran", antwortete sie. Und sie sagte zu mir: "Du bist Deutscher
und ein Junge _ du mžtest eigentlich der glcklichste Mensch auf der
Welt sein!"

Bald war es so weit, daž unser Zug nach Berlin abfuhr. Da wurde mir
schmerzlich bewužt, wie schnell die Zeit unseres Abschieds herannahte,
eines Abschieds fr die Dauer eines ungewissen Zeitraums. Wir
planten, uns sechs Wochen sp"ter auf einem Esperanto-Treffen in
Zielona G'ora (das frher "Grnberg in Schlesien" hiež), wiederzusehen.
Denn wir glaubten, nach Polen k"nnten wir beide ohne allzu grožen
brokratischen Aufwand fahren. Doch allm"hlich bekam Elena immer
gr"žere Zweifel: "Ich habe Angst, daž man sich bei meinem Arbeitgeber
erkundigt, bevor ich wieder die Erlaubnis bekomme, ins Ausland zu
fahren", meinte sie, "und dann sieht es bei mir nicht so gut aus..."

Ich erinnerte mich an eine Strophe aus dem Gedicht "Sur vojo de l'
vivo" des Schweizers Edmond Privat, der um 1910 als etwa 20-j"hriger
in der noch jungen Kultursprache Esperanto, die kaum "lter war als er
selbst, die Trennung von seiner Geliebten mit den Worten beschrieben
hatte:

Sur vojo de l' vivo, pro kia mistero
E^c amo nur estas prunta^jo momenta
^Cielon ni trovas kaj perdas sur tero
Kaj blovas ankoraÝu la tempo turmenta.

Noch blieben uns drei Tage, in der wir die N"he des anderen spren
konnten, bis auch uns wieder der Alltag, mit seinen, was besonders
mich betrifft, manchmal etwas bedrckenden Zeiten des Alleinsein
Zeiten des Alleinseins wieder einholen sollte.

In dem voll besetzten Zugabteil unterhielten wir uns sehr lebhaft. Elena
sagte, sie denke gerade an einen Artikel von mir aus der
Esperanto-Zeitschrift "Koncize". In einem Bericht ber ein polnisches
Esperanto-Treffen hatte ich da beschrieben, wie uns dort eine
Folkloregruppe Volkst"nze beibrachte. Ich bekam dort eine kompetente
Partnerin aus dieser Gruppe, die jedoch weder Esperanto noch Deutsch
noch Englisch sprach und mir daher einfach auf polnisch die Schritte zu
erkl"ren versuchte. Dabei bemerkte ich: "Da ich kein Polnisch kann,
fhlte ich mich wie ein Hund, der die Sprache seines Herrchens nicht

121

wirklich versteht und daher nur schwer alle seine Anweisungen befolgen
kann." Ich hielt diesen Vergleich fr eine gute Beobachtung, da viele
Hundehalter mit ihren Tieren manchmal so reden, als wrden diese die
menschliche Sprache verstehen, doch Elena fand das bl"de und
beleidigend, da eine andere M"glichkeit verbaler Kommunikation ja nicht
bestanden habe und ich demnach nichts zu kritisieren h"tte. Da
bemerkte ich, daž ich das auch gar nicht beabsichtigte, berhaupt
k"nne doch eine solche Bemerkung niemandem weh tun, da sie doch
von der Person, ber die ich sprach, weder gelesen noch verstanden
werde. Doch Elena gab sich damit nicht zufrieden. Etwa eine Stunde
dauerte schliežlich dieser Streit, der eigentlich gar kein Streit war,
sondern ein Spiel. Es ging uns einfach darum, dem anderen zu zeigen,
wer bei einem solchen Wortgefecht der šberlegene ist, und das Spiel
endete schliežlich unentschieden.

Die Mitreisenden in unserem Abteil, vier Frauen zwischen 30 und 60,
sprachen unterdessen kaum ein Wort. Sie lasen nur in ihren Bchern
oder Zeitschriften. Ich dachte, daž es sie sicher ein bižchen st"re, daž
wir nun hier heftig diskutieren, noch dazu in einer fr sie
unverst"ndlichen Sprache. Doch andererseits freute ich mich auch ein
bižchen darber, daž sie unsere Unterhaltung miterlebten. Ich berlegte,
ob ich sie einfach mal fragen sollte, ob sie wissen, in welcher Sprache
wir uns unterhalten. Wahrscheinlich h"tten sie es nicht gewužt, und
dann h"tte ich ihnen erz"hlt, das das Esperanto ist. Eine Sprache, von
der viele Menschen glauben, ihr wrde irgendetwas fehlen, oder ber
die sie _ sei es offen oder heimlich, bewužt oder unbewužt _
bestreiten, daž man sich auch in ihr perfekt unterhalten kann. Doch sie
hatten nun die Gelegenheit, mitzuerleben, wie gut die Verst"ndigung in
Esperanto funktioniert. Wenngleich sie natrlich nicht verstanden, was
wir sagten, so h"tten sie doch nicht leugnen k"nnen, daž wir uns
flssig unterhielten, so flssig, als ob wir die gleiche Muttersprache
h"tten.

Mir fehlte nur der Mut, ihnen das zu sagen; vielleicht hielt ich es auch
nicht fr allzu zweckm"žig, denn ich h"tte mir damit zwar mein Herz
erleichtert, aber sicher nicht viel erreicht. Doch noch viel lieber h"tte
ich ein paar Politiker in unser Abteil eingeladen _ jene, die Esperanto
ablehnen, und jene, die dieses Thema nicht ernstnehmen oder meiden,
tabuisieren. Hier h"tten sie sehen k"nnen, wie gut sich die
V"lkerverst"ndigung, fr die sie sich immer aussprechen, verwirklichen
l"žt. Vielleicht wrden sie sich dann fr diese Sprache einsetzen _

122

damit diese qualitativ hochwertige internationale Verst"ndigung, wie
Elena und ich sie gerade praktizierten, einmal fr alle Menschen
selbstverst"ndliche Wirklichkeit wird.

Am Nachmittag erreichten wir dann den Bahnhof Berlin Zoo, wo wir
ausstiegen. Natrlich st"rte es uns nicht, daž die Jugendherbergen in
Berlin recht teuer und oft ausgebucht sind _ wir bernachteten bei
befreundeten Espis. Wir schauten uns ein wenig die Sehenswrdigkeiten
Berlins an, besuchten das Bro der Esperanto-Jugend im Ostteil des
Stadt, nahmen an einem Gruppentreffen der Esperanto-Liga Berlin teil
_ und dann war unerwartet schnell der Tag des Abschieds gekommen.

Frh morgens fuhren wir zum Bahnhof Zoo, wo bald darauf der Zug
nach Moskau einrollte. Wir fanden sofort den richtigen Wagen, und ich
begleitete Elena dort hinein. Sofort erschien ein Schlafwagenschaffner,
der uns gleich barsch anfuhr. W"hrend ich nicht mehr verstand, als daž
er ein ziemlich unfreundlicher Typ ist, bersetzte mir Elena: "Er sagt,
er erwartet hier keine neuen Fahrg"ste." Natrlich zeigte Elena ihm
sofort ihre Bettkarte _ doch das bes"nftigte den Schaffner nicht: "Er
sagt, der Platz ist schon belegt; die Žnderung gilt nicht, die h"tte ich
selbst gemacht." Sie zeigte mir ihre Bettkarte _ und pl"tzlich fiel mir
etwas auf: "Da, die Stempel ... da ist ein Stempel vom Bahnhof
Hamburg, vom 3.1., und ein Stempel vom Bahnhof Heidelberg, vom 23.1.,
wo die Reservierung ge"ndert wurde. Das beweist, daž die Žnderung
gilt _ erkl"r ihm das!" Doch der Schaffner blieb zornig. "Er sagt, ich
werde bis Moskau hier im Gang stehen. Natrlich hat er sich bestechen
lassen, er hat meinen Platz an jemand anders vergeben!" Ich berlege,
wie so etwas m"glich sein kann, da der Zug doch aus K"ln kommt und
wir ich noch in Deutschland sind. Noch einmal beschimpfte der Schaffner
Elena. "Jetzt sagt er, daž ich in Ost-Berlin aussteigen werde ... soll ich
nicht lieber hier bleiben?" _ "Versuch', drin zu bleiben", empfahl ich ihr,
denn auf unseren Abschied hatte ich mich schon so sehr eingestellt,
daž ich ihrnun recht sachlich erkl"ren konnte: "Fr einen anderen Zug
gilt deine Platzkarte erst recht nicht!"

W"hrend der Schaffner uns stumm zuschaute, kžten und umarmten
wir uns ein letztes Mal. Ich wnschte ihr, eher mitleidsvoll als
optimistisch, ein gute Reise, und Elena meinte, daž dieser Wunsch hier
sehr angebracht sei. "Vi tre mankos al mi!" (Du wirst mir sehr
fehlen!), sagte ich ihr noch, und Elenas Rhrung ber diesen Satz liež
uns einen Moment lang das Problem vergessen, in das wir gerade

123

hineingeraten waren.

Dann verliež ich den Waggon; die Tren schlossen sich, und der Zug
setzte sich in Bewegung. Durch die kleine Scheibe in der Tr vernahm
ich noch Elenas Winken, ihr melancholisches L"cheln und die Ksse, die
sie andeutete und die ich, allm"hlich in eine Trauer ber unsere
Trennung versinkend, wahrnahm als vorerst letzte Zeichen einer Liebe,
die niemals ganz verschwinden, aber nur vielleicht einmal g"nzlich
aufblhen und ihre volle Erfllung finden wird _ einer Liebe, die somit
eine "hnlich ungewisse Zukunft vor sich hat wie die Sprache, die sie
erm"glichte.


*** Ende ***

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